Den DAXPuls-Score richtig lesen
Keine Anlageberatung. Dieser Text erklärt Zusammenhänge und enthält keine Empfehlung und kein Kursziel. Haftungsausschluss
Inhalt — 7 Abschnitte
Ein Score ist eine Zahl, die eine Einschätzung ausdrückt. Das Problem mit Zahlen ist, dass sie präziser wirken, als sie sind. „64 von 100“ klingt nach Messung, ist aber das Ergebnis einer Gewichtung, die jemand festgelegt hat. Dieser Artikel erklärt, wie der Score auf dieser Seite entsteht, damit Leser ihn einordnen können, statt ihn zu glauben.
Der Aufbau in sechs Bausteinen
Der Score wird aus sechs Kennzahlen berechnet, die aus 15-Minuten-Kerzen stammen:
- Trend (EMA 20/50): Abstand des kürzeren vom längeren exponentiellen Durchschnitt. Positiv, wenn der EMA-20 über dem EMA-50 liegt. Maximaler Beitrag: ±25 Punkte.
- Kurs versus EMA 20: Wie weit der letzte Kurs vom EMA-20 entfernt ist. Maximal ±15 Punkte.
- RSI (14): Werte zwischen 50 und 70 liefern einen positiven Beitrag, über 70 wird der Beitrag gedämpft, unter 30 kann er sich umkehren. Maximal ±20 Punkte.
- MACD-Histogramm: Der Abstand zwischen MACD-Linie und Signallinie, relativ zum Kurs. Ein wachsender Abstand erhöht den Beitrag. Maximal ±20 Punkte.
- Momentum (eine Stunde): Veränderung der letzten vier Kerzen. Maximal ±15 Punkte.
- Position in der Tagesspanne: Wo der Kurs zwischen Tageshoch und Tagestief liegt. Maximal ±5 Punkte.
Die Summe dieser Beiträge liegt zwischen −100 und +100. Der Score überträgt sie auf eine Skala von 0 bis 100: 50 plus die Hälfte des Rohwerts. Ein Score von 64 bedeutet also einen Rohwert von 28 – eine moderate Aufwärtstendenz, keine starke.
Warum die Wahrscheinlichkeit nicht 90 Prozent sein kann
Aus dem Rohwert wird zusätzlich eine Aufwärtswahrscheinlichkeit berechnet: 50 Prozent plus 0,09 Punkte pro Rohwert-Einheit, begrenzt auf 42 bis 58 Prozent. Diese Begrenzung ist bewusst gewählt und der ehrlichste Teil des Modells.
Ein Richtungsmodell auf 15-Minuten-Daten trifft realistisch zwischen 52 und 57 Prozent der Fälle. Alles darüber wäre entweder ein Rechenfehler, eine Überanpassung an historische Daten oder Marketing. Die enge Spanne ist deshalb keine Schwäche, sondern eine Aussage über die tatsächliche Aussagekraft: Ein leichter Vorteil, kein System, das die Zukunft kennt.
Wer eine Zahl wie „87 Prozent Trefferquote“ liest, sollte drei Fragen stellen: Auf welchem Zeitraum wurde gemessen, wie viele Fälle umfasste der Test, und wurde die Strategie nachträglich an dieselben Daten angepasst? In den meisten Fällen ist die Antwort unbefriedigend.
Die drei Zustände und ihre Bedeutung
Der Score kennt drei Zustände. Über 55 gilt als Aufwärtstendenz, unter 45 als Abwärtstendenz, dazwischen als seitwärts oder unklar. Die Schwellen sind so gesetzt, dass ein Wert nahe 50 nicht als Signal missverstanden wird – bei einem Rohwert nahe null widersprechen sich die Bausteine, und genau das soll sichtbar bleiben.
Wichtig ist die Kombination mit dem Datenvertrauen. Es ergibt sich aus der Volatilität (gemessen am ATR in Prozent des Kurses) und der Anzahl verfügbarer Kerzen. Bei hoher Schwankung oder dünner Datenlage sinkt das Vertrauen – unabhängig davon, wie klar der Score aussieht. Ein Score von 75 bei niedrigem Vertrauen ist weniger belastbar als ein Score von 60 bei hohem.
Was der Score nicht enthält
Keine Fundamentaldaten. Keine Nachrichten. Keine Zinsentscheidungen. Keine Unternehmensereignisse. Keine Orderbuchdaten. Und keine Informationen darüber, was andere Marktteilnehmer planen.
Das ist keine Auslassung aus Bequemlichkeit, sondern eine Grenze des Verfahrens: Ein Modell, das nur aus Kursen rechnet, kann nur Kursverhalten beschreiben. Wer wissen will, warum ein Kurs steigt, braucht andere Quellen.
Der Score ist eine Momentaufnahme
Jeder Score trägt einen Zeitstempel. Er beschreibt die Lage zum Zeitpunkt der letzten verfügbaren Kerze – und diese Kerze ist mindestens 15 Minuten alt. Innerhalb einer Handelssitzung kann sich der Score mehrfach ändern, weil sich die Gewichte der Bausteine verschieben. Ein Score von 40 am Morgen und 65 am Nachmittag ist kein Widerspruch, sondern eine Beschreibung zweier unterschiedlicher Zustände.
Deshalb ist es sinnvoll, den Verlauf des Scores zu beobachten statt nur den letzten Wert. Ein Score, der von 70 auf 55 fällt, erzählt eine andere Geschichte als ein Score, der bei 55 seit drei Stunden unverändert steht – obwohl die Zahl dieselbe ist.
Praktische Lesart in vier Schritten
- Score lesen, aber Zeitstempel prüfen. Wie alt ist die letzte Kerze?
- Vertrauen prüfen. Niedriges Vertrauen bedeutet: Die Zahl ist eine grobe Orientierung, keine Aussage.
- Bausteine ansehen. Welcher Baustein trägt den Score, welcher arbeitet dagegen? Ein hoher Score allein aus dem Momentum ist etwas anderes als ein hoher Score aus Trend und RSI gemeinsam.
- Gegenprobe formulieren. Welche Beobachtung würde die Lesart widerlegen? Ohne diese Gegenprobe ist jede Interpretation beliebig.
Warum es überhaupt einen Score gibt
Eine Tabelle mit sechs Indikatoren ist schwer zu lesen und noch schwerer zu vergleichen. Der Score bündelt sie zu einer Zahl, die über viele Instrumente hinweg vergleichbar ist – das ist sein einziger Zweck. Er ersetzt keine Analyse, er sortiert sie vor.
Wer versteht, wie die Zahl entsteht, kann sie benutzen, ohne ihr zu viel zuzutrauen. Wer sie als Vorhersage liest, benutzt ein Sortierwerkzeug als Orakel. Der Unterschied liegt nicht im Modell, sondern in der Erwartung, mit der man es aufruft.
Dieser Artikel erklärt die Methodik. Er ist keine Anlageberatung, enthält keine Empfehlung und kein Kursziel. Ein Modell auf 15-Minuten-Daten trifft realistisch 52 bis 57 Prozent der Richtungen.